Die Midterm-Wahlen – und ihre Bedeutung für europäische Anleger
Bei den amerikanischen Zwischenwahlen wird auch über das „System Trump“ abgestimmt. Doch der Wandel, für den diese Politik steht, reicht weit über eine einzelne Administration hinaus. Neue Machtblöcke verändern die wirtschaftlichen Spielregeln – und damit die Grundlagen der Vermögensanlage.
Am 3. November wählen die Vereinigten Staaten einen neuen Kongress. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen die Mehrheitsverhältnisse im Repräsentantenhaus und im Senat. Wie viel Rückhalt hat Donald Trump? Wie groß wird der Handlungsspielraum seiner Administration in den kommenden zwei Jahren sein?
Diese Fragen sind wichtig. Um die Bedeutung der Midterms zu verstehen, muss man sie jedoch in einem größeren Zusammenhang betrachten.
Die Welt befindet sich in einem grundlegenden Umbau. Die globale, regelbasierte Ordnung verliert an Verbindlichkeit. An ihre Stelle tritt eine Welt, in der politische Zugehörigkeit, strategische Abhängigkeiten und die Fähigkeit zur Durchsetzung eigener Interessen mehr Gewicht erhalten. Im Zentrum dieser Entwicklung steht der Machtwettbewerb zwischen den Vereinigten Staaten und China.
Die Midterms sind eines der Ereignisse, die diesen Prozess beschleunigen oder bremsen können. Seine Ursachen reichen tiefer.
Die USA gestalten den Umbau ihrer eigenen Ordnung
Über Jahrzehnte haben die Vereinigten Staaten ihre politische, wirtschaftliche und militärische Macht eingesetzt, um eine globale Ordnung aufzubauen und abzusichern. Offene Märkte, internationale Institutionen und grenzüberschreitende Arbeitsteilung waren wesentliche Bestandteile dieses Systems.
Aus unserer Sicht setzen die USA ihre Macht heute zunehmend dafür ein, diese Ordnung nach veränderten Interessen umzubauen. Der Erhalt der eigenen strategischen Überlegenheit gewinnt gegenüber der Offenheit des Gesamtsystems an Bedeutung.
Vieles, was aus europäischer Perspektive widersprüchlich oder chaotisch erscheint, lässt sich vor diesem Hintergrund als Teil einer größeren Strategie verstehen. Das bedeutet nicht, dass jede einzelne Maßnahme erfolgreich sein wird. Zwischen strategischer Absicht und taktischer Umsetzung können erhebliche Unterschiede liegen.
Die Richtung ist dennoch erkennbar: Die USA wollen ihre wirtschaftlichen, technologischen und sicherheitspolitischen Stärken nutzen, um ihre Position gegenüber China abzusichern. Auch eine veränderte Mehrheit im Kongress würde diesen grundlegenden Interessenkonflikt nicht auflösen.
Neue Blöcke entstehen durch gemeinsame Interessen
Die neue Weltordnung lässt sich nicht einfach auf einer Landkarte einzeichnen. Ihre Grenzen entstehen aus wirtschaftlicher Integration, sicherheitspolitischen Bindungen und gesellschaftspolitischen Vorstellungen.
Ein mögliches Modell ist eine enger verbundene amerikanische Hemisphäre: Rohstoffe, industrielle Verarbeitung, Energieversorgung und Absatzmärkte würden stärker innerhalb eines gemeinsamen strategischen Raums organisiert. Die Vereinigten Staaten könnten dabei zugleich als wirtschaftliches Zentrum und als Schutzmacht auftreten.
Das ist ein Szenario, dessen Umsetzung von zahlreichen politischen Entscheidungen abhängt. Es zeigt aber, wie sich die Logik wirtschaftlicher Zusammenarbeit verändern könnte. Entscheidend wäre zunehmend, welche Partner Versorgung, Sicherheit und politischen Rückhalt bieten.
Dabei bleiben bestehende Handelsbeziehungen wirksam. Wirtschaftliche Verflechtungen verschwinden nicht durch einen Regierungswechsel. Politische Nähe und wirtschaftliche Abhängigkeit können in unterschiedliche Richtungen weisen. Gerade daraus entstehen Spannungen, die den Übergang prägen dürften.
Europas wirtschaftliches Gewicht reicht allein nicht aus
Für Europa stellt sich in dieser Entwicklung eine besonders schwierige Frage: Wie viel Einfluss lässt sich aus wirtschaftlicher Größe tatsächlich ableiten?
Ein hoher Anteil am Welthandel ist nicht gleichbedeutend mit politischer oder militärischer Durchsetzungskraft. Europa mag sich als gleichberechtigtes Machtzentrum neben den USA und China verstehen. Ob es von beiden auch so behandelt wird, hängt davon ab, wie eigenständig es handeln und wie wirksam es seine Interessen vertreten kann.
Für europäische Unternehmen und Anleger hat diese Unterscheidung konkrete Folgen. Der Zugang zu einem Absatzmarkt, die Verfügbarkeit von Energie oder die Sicherheit einer Lieferkette können stärker von politischen Entscheidungen abhängen. Eine wirtschaftlich sinnvolle Verbindung ist damit noch keine dauerhaft gesicherte Verbindung.
Wer Europas Perspektiven beurteilt, muss deshalb neben Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit auch seine strategischen Abhängigkeiten berücksichtigen.
Wenn strategische Sicherheit wirtschaftliche Effizienz überlagert
In der bisherigen Globalisierung war Kosteneffizienz ein wesentliches Organisationsprinzip. Produziert wurde dort, wo die Bedingungen besonders günstig waren. Lieferketten verbanden Standorte über politische Grenzen hinweg.
In einer Welt konkurrierender Blöcke bekommt diese Rechnung zusätzliche Größen. Wie verlässlich ist ein Lieferant im Konfliktfall? Bleibt eine Technologie verfügbar? Kann ein Staat auf Rohstoffe und industrielle Kapazitäten zugreifen, wenn er sie dringend benötigt?
Wo diese Fragen an Bedeutung gewinnen, wächst auch der staatliche Einfluss auf wirtschaftliche Entscheidungen. Investitionen können dorthin gelenkt werden, wo Kapazitäten aus strategischen Gründen gebraucht werden – selbst wenn ihre Errichtung zunächst teurer ist.
Dadurch können neue Märkte und neue Wachstumsfelder entstehen. Gleichzeitig geraten Geschäftsmodelle unter Druck, deren Erfolg einen möglichst ungehinderten Austausch voraussetzt. Für die Bewertung eines Unternehmens wird damit wichtiger, welche Funktion es innerhalb der entstehenden Ordnung erfüllt und welchen politischen Abhängigkeiten es ausgesetzt ist.
Geopolitik wirkt bis ins Anleihenportfolio
Die Folgen beschränken sich keineswegs auf Aktien.
Ein Konflikt in einer energiewirtschaftlich wichtigen Region kann die Versorgung beeinträchtigen und die Energiepreise erhöhen. Daraus können sich Folgen für Inflation, Zinserwartungen und die Bewertung von Anleihen ergeben. Wer über die künftige Zusammensetzung seines Anleihenportfolios nachdenkt, muss deshalb unter Umständen auch den Ölmarkt betrachten.
Das Beispiel verdeutlicht, wie eng geopolitische und finanzielle Entwicklungen miteinander verbunden sind. Anlageklassen lassen sich weiterhin unterscheiden. Ihre Risiken können jedoch dieselbe Ursache haben.
Auch die bisherige stabilisierende Wirkung einzelner Portfoliobausteine muss deshalb unter unterschiedlichen Bedingungen geprüft werden. Historische Zusammenhänge liefern Orientierung. Ob sie in einer veränderten Ordnung Bestand haben, bleibt eine offene Frage.
Szenarien statt Gewissheiten
Bei FTC denken wir deshalb in Szenarien. Dazu gehört auch, eigene Fehleinschätzungen ernst zu nehmen.
Eine Investition kann wirtschaftlich überzeugend erscheinen und dennoch durch politische Entwicklungen grundlegend verändert werden. Ebenso kann sich die Annahme als falsch erweisen, dass eine Schutzmacht im Konfliktfall selbstverständlich eingreifen wird.
Die Konsequenz daraus ist, Überzeugungen immer mit der Möglichkeit des Irrtums zu verbinden. Wie stark hängt ein Portfolio von einer bestimmten politischen Entwicklung ab? Welche Positionen reagieren auf dieselbe Veränderung? Wie groß wäre der Schaden, wenn eine zentrale Annahme nicht trägt?
Diversifikation muss diese Fragen berücksichtigen. Die Zahl der Positionen allein sagt wenig darüber aus, wie unterschiedlich ihre tatsächlichen Risiken sind.
Worüber bei den Midterms auch abgestimmt wird
Die Zwischenwahlen werden zeigen, wie viel gesellschaftlicher Rückhalt für den Kurs der amerikanischen Administration besteht. Ihr Ergebnis kann beeinflussen, mit welchem Tempo und welchen politischen Mitteln dieser Kurs weiterverfolgt wird.
Aus unserer Sicht würde jedoch auch ein Machtverlust der Republikaner im Kongress keine Rückkehr zur bisherigen Weltordnung bedeuten. Der Wettbewerb mit China und das amerikanische Interesse an strategischer Handlungsfähigkeit bestehen über den Wahltag hinaus.
Für Anleger reicht der Blick auf den nächsten Wahlausgang deshalb zu kurz. Die größere Aufgabe besteht darin, Vermögen auf unterschiedliche Verläufe eines langfristigen Umbruchs vorzubereiten.
Das Portfolio für die neue Welt wird sich an anderen Voraussetzungen messen lassen müssen als das Portfolio der vergangenen Jahrzehnte. Die Midterms werden einen Hinweis darauf geben, wie schnell sich diese Voraussetzungen verändern.
Die in diesem Artikel dargestellten Inhalte dienen ausschließlich Informationszwecken und stellen keine Anlageberatung, kein Angebot oder eine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Trotz sorgfältiger Recherche übernimmt der Autor bzw. Herausgeber keine Gewähr für die Aktualität, Vollständigkeit und Richtigkeit der Angaben. Wertentwicklungen in der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für die Zukunft. Jede Form der Investition birgt Risiken, unter anderem das Risiko eines vollständigen Kapitalverlustes. Bevor Sie Anlageentscheidungen treffen, sollten Sie Ihre individuelle Situation analysieren, ggf. unabhängigen professionellen Rat einholen.
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