Neue Machtblöcke. Neue Herausforderungen für Anleger.
Der Verfall der regelbasierten Weltordnung verändert auch die Machtblöcke. Die bipolare Sicherheit weicht einer multipolaren Unsicherheit, in der es neue Gewinner gibt – aber auch neue Verlierer. Das hat auch wirtschaftliche Konsequenzen.
Von Eduard Pomeranz
Das neue Machtspiel: USA gegen China
Viele der aktuellen Krisen und Konflikte erscheinen auf den ersten Blick voneinander unabhängig. Ob der Krieg in der Ukraine, die Spannungen um Taiwan, Konflikte im Nahen Osten oder die politische und wirtschaftliche Krise in Venezuela – viele dieser Entwicklungen haben direkte oder indirekte Auswirkungen auf globale Machtverhältnisse, Rohstoffmärkte und Handelsströme. Betrachtet man sie jedoch im Zusammenhang, zeigt sich ein übergeordnetes Muster: der geopolitische Wettbewerb zwischen den Vereinigten Staaten und China.
Zum ersten Mal seit dem Ende des Kalten Krieges wird die Führungsrolle der USA offen herausgefordert. Beide Seiten versuchen dabei, ihre Stärken auszubauen und ihre Schwächen zu reduzieren.
Die Vereinigten Staaten verfügen weiterhin über technologische und militärische Vorteile, kämpfen jedoch mit hoher Verschuldung und den Folgen der Deindustrialisierung. China dagegen kontrolliert große Teile der industriellen Wertschöpfungsketten und vieler strategischer Rohstoffverarbeitungen, bleibt aber stark von Energieimporten abhängig.
Vor diesem Hintergrund erhalten Themen wie Energie, Rohstoffe, Industriepolitik oder Technologie eine neue Bedeutung. Sie sind längst nicht mehr nur wirtschaftliche Faktoren, sondern Teil eines globalen Machtwettbewerbs.
Europa zwischen den Machtblöcken
Die Vorstellung einer multipolaren Welt klingt für viele Europäer zunächst attraktiv. Sie suggeriert eine Welt mit mehreren gleichberechtigten Machtzentren, in der Europa eine eigenständige Rolle spielen könnte.
Doch genau daran bestehen Zweifel.
Zwar wird die Dominanz der Vereinigten Staaten zunehmend herausgefordert, daraus folgt jedoch nicht automatisch ihr Niedergang. Noch immer verfügen die USA über enorme wirtschaftliche, technologische und militärische Ressourcen. Gleichzeitig versuchen sie aktiv, ihre Position als führende Weltmacht zu verteidigen.
Europa befindet sich dagegen in einer schwierigeren Lage. Die Region ist in hohem Maße von Energieimporten abhängig und hat in zentralen Technologiefeldern den Anschluss an die führenden Nationen teilweise verloren.
Genau diese beiden Faktoren – Technologie und Energie – entwickeln sich jedoch zunehmend zu den entscheidenden Grundlagen wirtschaftlicher und geopolitischer Stärke.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Sicherheit wird heute nicht mehr ausschließlich durch klassische Militärmacht definiert. Innovationen in Bereichen wie Drohnentechnologie, Digitalisierung und asymmetrischer Kriegsführung verändern die Spielregeln.
Wer technologisch zurückfällt, energiepolitisch abhängig bleibt und gleichzeitig sicherheitspolitisch unter Druck gerät, verliert langfristig an Handlungsspielraum.
Europa First? Die Rückkehr strategischer Interessen
Eine provokante These lautet, dass Europa Gefahr läuft, einen „empathischen Selbstmord“ zu begehen. Gemeint ist damit nicht die Ablehnung von Kooperation oder internationalen Regeln. Gemeint ist die Frage, ob Europa in einer Welt zunehmender geopolitischer Konkurrenz seine eigenen Interessen ausreichend konsequent verfolgt.
Über Jahrzehnte konnte Europa davon ausgehen, dass wirtschaftliche Integration, internationale Institutionen und gemeinsame Regeln Stabilität schaffen. Doch was passiert, wenn andere Akteure dieselben Regeln strategisch zu ihrem Vorteil nutzen oder sich nicht mehr daran gebunden fühlen?
In einer Welt begrenzter Ressourcen und wachsender Rivalitäten könnte die Fähigkeit, eigene Interessen zu definieren und durchzusetzen, wieder zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor werden.
Die neue Bedeutung von Industrie und Rohstoffverarbeitung
Wenn über Rohstoffe gesprochen wird, richtet sich der Blick häufig auf Minen, Ölquellen oder seltene Erden. Doch oft entsteht die eigentliche Macht erst einen Schritt später: bei der Verarbeitung.
Die vielleicht wichtigste Veränderung unserer Zeit lässt sich in einem einzigen Satz zusammenfassen:
Wir kommen von einer Welt des „Because of Markets“ in eine Welt des „Because we need it“.
Jahrzehntelang lautete die Antwort auf nahezu jede wirtschaftliche Frage: Dort produzieren, wo es am günstigsten ist. Dort einkaufen, wo die Kosten am niedrigsten sind. Effizienz war das oberste Prinzip. Doch Sicherheit folgt anderen Regeln als Effizienz.
Wenn Medikamente fehlen, kritische Rohstoffe nicht verfügbar sind oder zentrale Vorprodukte ausschließlich aus geopolitisch unsicheren Regionen stammen, wird die Frage nach dem günstigsten Anbieter plötzlich zweitrangig.
Die neue Frage lautet: Haben wir Zugriff darauf, wenn wir es brauchen?
China ist dafür ein gutes Beispiel. Das Land verfügt nicht zwangsläufig über die größten Rohstoffvorkommen, kontrolliert jedoch in vielen Bereichen entscheidende Teile der globalen Verarbeitungskapazitäten. Genau dort entsteht ein wesentlicher Teil der strategischen Abhängigkeiten.
Wirtschaftliche Sicherheit wird zunehmend als Bestandteil nationaler Sicherheit betrachtet. Dazu gehören nicht nur Waffen und Verteidigungssysteme, sondern ebenso Energieversorgung, Medikamente, Lebensmittelproduktion, industrielle Fertigung und kritische Infrastruktur.
Möglicherweise stehen wir am Beginn einer neuen Wirtschaftsordnung, in der Staaten deutlich stärker in wirtschaftliche Prozesse eingreifen als in den vergangenen Jahrzehnten. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil strategische Sicherheit wieder zu einem zentralen politischen Ziel geworden ist.
Weiter denken als man sehen kann
Die größte Herausforderung für Anleger besteht heute nicht darin, die Zukunft vorherzusagen. Die größte Herausforderung besteht darin, mit einer Zukunft umzugehen, die grundsätzlich ungewiss ist.
Aktien bleiben auch künftig ein zentraler Bestandteil langfristiger Vermögensbildung. Die Herausforderung liegt jedoch zunehmend darin, Portfolios widerstandsfähig gegenüber unterschiedlichen Szenarien zu machen.
Viele Anleger haben sich daran gewöhnt, dass klassische Staatsanleihen in Krisenzeiten stabilisierend wirken. Ob sie diese Rolle künftig in gleichem Maße erfüllen können, ist jedoch offen. Hohe Staatsverschuldung, geopolitische Risiken und veränderte Korrelationen stellen traditionelle Portfolioansätze vor neue Herausforderungen.
Dadurch gewinnen alternative Stabilisierungsbausteine an Bedeutung. Dazu können beispielsweise Rohstoffe, Edelmetalle, Managed-Futures-Strategien oder ausgewählte Spezialsegmente gehören.
Viele Anleger suchen nach Antworten auf Fragen wie: Werden die USA gewinnen? Wird China gewinnen? Wird Europa wieder aufholen? Doch vielleicht sind das die falschen Fragen.
Wer Verantwortung für Vermögen übernimmt, darf nicht auf ein einziges Szenario wetten. Verantwortung bedeutet, mehrere mögliche Entwicklungen gleichzeitig mitzudenken und Portfolios so zu strukturieren, dass sie auch dann funktionieren, wenn die Welt einen anderen Weg einschlägt als erwartet.
Nur weil etwas in der jüngeren Vergangenheit funktioniert hat, bedeutet das nicht, dass es auch in Zukunft funktionieren wird. Anleger neigen dazu, die jüngsten Entwicklungen in die Zukunft fortzuschreiben.
Gleichzeitig wird es wichtiger, die strukturellen Gewinner geopolitischer Veränderungen zu identifizieren. Wer von staatlichen Investitionen profitiert, wer kritische Infrastruktur bereitstellt oder wer strategisch wichtige Technologien entwickelt, könnte in den kommenden Jahren eine größere Rolle spielen.
So wird Szenariodenken zu einer der wichtigsten Fähigkeiten erfolgreicher Anleger. Denn die größte Gefahr besteht oft nicht darin, falsch zu liegen.
Die größte Gefahr besteht darin, nur auf eine einzige Zukunft vorbereitet zu sein.
Video 5: Die Konsequenzen für Anleger
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